Wenn männliche Kumpel weniger wichtig werden als weibliche Paarungspartner

Wissenschaftler*innen des Deutschen Primatenzentrums haben die Investition in Männerfreundschaften und den Zusammenhang mit reproduktivem Erfolg bei männlichen Guineapavianen untersucht

Zwei eng befreundete männliche Guineapaviane (Papio papio) bei der gegenseitigen Fellpflege im Niokolo-Koba-Nationalpark in Senegal. Foto: Federica Dal Pesco

Enge Freundschaften zwischen Männchen sind im Tierreich selten, da Männchen in der Regel um Rang und Zugang zu Weibchen konkurrieren. Männliche Freundschaften können aber auch von Vorteil sein, wenn Freunde den Aufstieg in der Ranghierarchie unterstützen oder helfen, weibliche Tiere vor Übergriffen durch andere Männchen zu verteidigen. Wissenschaftler*innen des Deutschen Primatenzentrums (DPZ) - Leibniz-Institut für Primatenforschung - haben die Vorteile von Männerfreundschaften bei freilebenden Guineapavianen im Senegal untersucht. Diese Pavianart ist bekannt für starke Bindungen unter Männchen und das Fehlen einer klaren männlichen Ranghierarchie. Die Forscher*innen wollten herausfinden, ob Männchen mit vielen Freunden für Weibchen attraktiver sind, weil sie diesen und ihrem Nachwuchs möglicherweise einen besseren Schutz vor Raubtieren bieten. Viele Freunde zu haben, wirkte sich jedoch nicht positiv auf den Fortpflanzungserfolg der Männchen aus. Es zeigte sich, dass Männchen weniger Zeit mit anderen Männchen verbrachten, sobald sie sich mit den Weibchen zusammengetan und mit der Zeugung von Nachwuchs begonnen hatten. Obwohl männliche Tiere „im besten Alter“ in moderatem Umfang Kontakte zu anderen Männchen aufrechterhielten, veränderten sie ihre Investition in soziale Beziehungen drastisch, um ihren Fortpflanzungserfolg zu maximieren (Proceedings of the Royal Society B).

Männliche Freunde können emotionale Unterstützung bieten; sie können bei der Verteidigung gegen Rivalen oder beim Erwerb eines hohen sozialen Status helfen. Aber alles ändert sich, sobald weibliche Artgenossen ins Spiel kommen. Das gilt in Leonhard Bernsteins „West Side Story" ebenso wie bei wilden Pavianen. Federica Dal Pesco, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Kognitive Ethologie am Deutschen Primatenzentrum (DPZ), untersuchte den Zusammenhang zwischen männlichen Freundschaften, gegenseitiger Unterstützung und Fortpflanzungserfolg bei freilebenden Guineapavianen an der DPZ-Feldstation Simenti im Senegal.

Eine tolerante vielschichtige Gesellschaft
Guineapaviane leben in einer toleranten Gesellschaft mit mehreren Ebenen. Die Kerneinheiten bestehen aus einem Männchen und ein bis sechs Weibchen und deren Nachkommen. Mehrere dieser Kerneinheiten und Junggesellen-Männchen bilden eine "Clique". Zwei bis drei "Cliquen" schließen sich zu einer "Gang" zusammen. Fast alle Nachkommen werden von dem Männchen der jeweiligen Kerngruppe gezeugt; Junggesellen-Männchen sind in der Regel nicht sexuell aktiv. Guineapaviane sind in sozialer Hinsicht bemerkenswert tolerant. Die Männchen unterhalten enge Bindungen zu anderen Männchen und haben keine klare Rangordnung. Die Weibchen wählen ihre Sexualpartner frei und bleiben mehrere Wochen bis zu mehreren Jahren mit demselben Männchen zusammen.

Vier Jahre Verhaltensbeobachtungen
Federica Dal Pesco und ihre Kolleg*innen analysierten das Sozialverhalten von 30 Männchen und ermittelten die Vaterschaft von 50 Jungtieren, über einen Beobachtungszeitraum von vier Jahren. Die Tiere gehören zu einer Studienpopulation von über 400 Individuen, die in der Nähe der DPZ-Feldstation Simenti im Niokolo-Koba-Nationalpark im Senegal leben. Die Population wird seit 2010 untersucht, und die Tiere sind daran gewöhnt, dass menschliche Beobachter ihnen zu Fuß folgen. Die entscheidende Frage der vorliegenden Studie war, ob Männchen mit vielen Freunden mehr Weibchen anlocken können, weil sie in der Lage sind, „männliche Dienstleistungen" zu erbringen, wie zum Beispiel die Verteidigung gegen Raubtiere.

Kluge Zeiteinteilung
Entgegen den Vorhersagen gab es keine Hinweise darauf, dass Männchen mit vielen Freunden für weibliche Tiere attraktiver sind. Stattdessen passten die Männchen ihre soziale Zeit an die Anzahl der Weibchen an, mit denen sie zusammen waren: Je mehr Weibchen sie in ihrer Gruppe hatten, desto weniger Zeit verbrachten sie mit ihren männlichen Freunden. Darüber hinaus unterstützten sich Freunde zwar eher gegenseitig in Koalitionen, doch stand diese Unterstützung in keinem Zusammenhang mit dem Fortpflanzungserfolg. „Es sind vor allem die jungen und alten Junggesellen, die genügend Zeit haben, um mit anderen Männchen zusammen zu sein und auf diese Weise möglicherweise sicherzustellen, dass sie in der Gruppe bleiben können", sagte Federica Dal Pesco, Erstautorin der Studie. „Sobald die Männchen jedoch für die Weibchen attraktiv werden, verlagern sie ihre Aufmerksamkeit auf diese, um so ihren Fortpflanzungserfolg zu steigern", so Federica Dal Pesco. „Was wir noch nicht wissen, ist, ob männliche Freundschaften dazu beitragen, die ersten Weibchen früher anzuziehen oder den Status als fortpflanzungsaktives Männchen länger aufrechtzuerhalten", fügte Julia Fischer, Ko-Autorin der Studie, hinzu. „Um diese Frage zu beantworten, brauchen wir viele weitere Jahre der Beobachtung", schloss sie. 

Originalpublikation
Dal Pesco F, Trede F, Zinner D, Fischer J. 2022 Male–male social bonding, coalitionary support and reproductive success in wild Guinea baboons. Proc. R. Soc. B 289:20220347. https://doi.org/10.1098/rspb.2022.0347

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